Atemnot beim Vogel

Atemnot kann vielfältige Ursachen haben.
 
Fest steht jedoch: Sie ist die schlimmste Stresssituation für Vögel. Jedem, dem schonmal die Luft weggeblieben ist, weiß, dass es zu regelrecht panikartigen Zuständen kommen kann.
Dem Vogel geht es nicht anders und er ist damit ein absoluter Notfall und muss schnellstmöglich zu einem vogelkundigen (!) Tierarzt.
Am besten mit telefonischer Ankündigung, damit der Tierarzt z.B. eine Sauerstoffbox oder einen Luftsackkatheter vorbereiten kann.
Bis dahin sollte der Vogel möglichst viel frische und kühle Luft atmen, ohne Zugluft ausgesetzt zu sein. Warme Luft kann ein weiteres Zuschwellen der Atemwege begünstigen.
 
Doch wie erkenne ich, ob mein Vogel Atemnot hat?
 
Ein frühes Alarmzeichen ist das atemsynchrone Schwanzwippen.
Es kann bei chronisch-fortschreitenden Erkrankungen wie einer Herzschwäche auftreten, bei der sich das Blut zurück in die Lunge staut, aber auch durch das langsam fortschreitende Wachstum eines Tumors, der auf die Organe drückt.
Jeder raumfordernde Prozess im Vogelkörper, egal ob ein übermäßig angeschwollener Legeapparat oder ein Tumor (häufig sind Nieren- , Hoden- oder Eierstockstumoren) kann zu einer Kompression von Herz und/oder Lunge führen.
 
Das liegt daran, dass Vögel kein Zwerchfell haben und so z.B. ein eigentlich im „Bauchraum“ liegender Tumor die Organe im „Brustkorb“ nach oben verschieben kann, was zu einer Fehlfunktion der Organe führen kann.
 
Das fehlende Zwerchfell ist auch einer der Gründe, warum beispielsweise zäher Schleim nicht abgehustet werden kann und Atemwegserkrankungen oft eine langwierige Behandlung erfordern.
Dem aufmerksamen Halter fällt hier oft ein abnormes Atemgeräusch auf, dass sich unter Belastung verstärken kann oder nur nach oder bei jener zu hören ist.
Wenn z.B. Schleim oder andere Beläge die Atemwege verengen, kommt es zu Verwirbelungen der ein- und ausströmenden Luft, die sich in typischen Atemgeräuschen manifestieren.
Der erfahrene vogelkundige Tierarzt kann aufgrund dieser unterschiedlichen Geräusche so oft bereits beim Abhören (hält Vogel dicht ans Ohr) feststellen, wo das Problem lokalisiert ist. Wenn die Lunge betroffen ist, hört sich das anders an als eine Verlegung im oberen Atemtrakt (z.B. Luftröhre).
 
Beim Schwanzwippen bewegen sich die langen Schwanzfedern beim Ein- und Ausatmen auf und nieder. Der Vogel versucht durch diese zusätzliche Bewegung die Blasebalgfunktion des Brustbeines zu verstärken, da entweder das Einatmen oder das Ausatmen oder sogar beides nur erschwert möglich sind.
 
Spätestens ein geöffneter Schnabel, der zum Beispiel geöffnet ins Käfiggitter eingehangen wird, ist das Zeichen für die Alarmstufe Rot.
Der Vogel hat extreme Atemnot und kann im normalen Sitzen nicht genügend Sauerstoff in den Körper bringen. Und das, obwohl Vögel ein extrem ausgeklügeltes Atemwegssystem haben und den vorhandenen Sauerstoff sogar „doppelt“ nutzen können.
Denn die Atemmechanik der Vögel unterscheidet sich grundsätzlich von der der Säuger.
Bei Säugetieren und Reptilien ändern die Atem-Muskeln das Volumen des Brustkorbs bei jedem Ein- und Ausatmen, sodass die Luft bei Inspiration (Einatmen) durch Volumenausdehnung einströmt oder bei Expiration (Ausatmen) durch Volumenverkleinerung ausströmt. Die Säuger-Lunge bläht sich so abwechselnd auf oder zieht sich zusammen, die Luft strömt so passiv ein und aus und die Lunge entleert sich beim Ausatmen bis auf ein kleines Restvolumen.
 
Diese Volumenänderung ist der Vogellunge nicht möglich. Daher gelangt die Luft beim Einatmen stattdessen in die hinteren Luftsäcke, die sich dehnen können. Hierbei kommt dem Brustbein eine blasebalgähnliche Funktion zu. Die Rippen unterstützen diesen Prozess.
 
Da die freie Bewegung des Brustbeines unerlässlich für die Atmung ist und ihr damit eine lebensnotwendige Bedeutung zukommt, ist immer darauf zu achten, dass der komplette Brust- und Bauchbereich des Vogels (beim Festhalten) frei ist.
Auch in Rückenlage ist es dem Vogel nur schwer möglich zu atmen, da die Wirkung der Schwerkraft durch die Last der Organe und des großen Brustmuskels zum Tragen kommt.
 
Ist allerdings die freie Bewegung des Brustbeines gegeben, kann durch eine einzigartige Konstruktion die Vogellunge sowohl beim Ein- als auch beim Ausatmen (!!!) belüftet werden, da die Luft immer von hinten nach vorne durch die Lunge strömt und in den nächsten (vorderen) Luftsack gelangt.
Ein Fakt, der mich schon zu Studienzeiten fasziniert hat und von Mutter Natur raffiniert erdacht, damit der schnelle Stoffwechsel der Vögel mit ausreichend Sauerstoff versorgt werden kann.
Bei forcierter (verschärfter) Atmung z.B. beim Fliegen können sogar noch weitere Luftsacksysteme und Lungenanteile (Palaeopulmo) hinzugeschaltet werden.
 
 
Übrigens hat das Gerücht, dass Vögel so stressanfällig seien, stark mit dieser Atemmechanik zu tun.
Engt man dem Vogel beim Festhalten mit den Fingerkuppen den Brustkorb ein oder umschließt ihn sogar völlig mit der Hand, ist ein Ersticken nach kurzer Zeit nicht unwahrscheinlich.
 
Wenn es euch interessiert zeige ich euch in einem der nächsten Artikel gerne, wie ein Vogel möglichst verletzungsarm gefangen und gehalten werden kann und wie ich das für z.B. Medikamentengaben, wenn ich alleine bin, modifiziert habe.
Gebt dazu doch bitte einfach ein kurzes Feedback. Der Adventskalender ist in diesem Jahr keineswegs starr, daher kann ich hier auch auf eure Interessen eingehen, wenn gewünscht.
 
Zuletzt möchte ich noch anmerken, dass keiner meiner Artikel Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Gewisse Aspekte sind zum besseren Verständnis vereinfacht dargestellt und kein noch so guter Blog, keine Facebookgruppe etc. ersetzt den Gang zu einem erfahrenen vogelkundigen Tierarzt.
 
Meine Beiträge sollen einfach Spaß machen, Interesse an physiologischen Vorgängen wecken, Grundkenntnisse erweitern und zu einem besseren medizinischen Verständnis beitragen, sodass ihr im besten Fall mit eurem Tierarzt gemeinsam entscheiden könnt, was das Beste für euren Vogel ist und ihr im Vorfeld Krankheiten früher erkennen könnt.
 
Wenn euch meine Beiträge gefallen, freue ich mich über jedes einzelne Herz, jedes Teilen und jeden Kommentar.
Ihr tragt somit dazu bei, dass die zugegeben mit einem enormen zeitlichen Aufwand verfassten Artikel möglichst viele interessierte Menschen erreichen. Danke!