Mein Herz für Wellensittiche

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In den letzten Tagen frage ich mich häufiger: “Warum habe ich so ein riesengroßes Herz für Wellensittiche? Warum sogar besonders für die alten, kranken und behinderten? Warum nehme ich das alles auf mich? Die ständige Sorge um meine kleinen Patienten, der tägliche kritische Blick, wer anders als sonst auf der Stange sitzt, müder ist? Die ständige Fahrerei zum Tierarzt, die zum Teil langen Wartezeiten? Das Abholen der Vögel über teils lange Distanzen, wenn die Besitzer aus unterschiedlichen Gründen ihre Tiere nicht mehr halten können oder wollen? Das besonders gründliche Putzen und Saubermachen, bevor Besucher kommen, um ihre ehemaligen Schützlinge abzugeben oder zu besuchen? Die Zeit und das Geld, die dafür drauf gehen? ”

Und wieder ist die Antwort: Ich mache das wirklich gerne. Jeden Tag, sieben Tage die Woche, fahre ungern weg, weil mir meine Wellis schon fehlen, wenn ich ins Auto steige. Ich Sorge habe, dass etwas passieren könnte, wenn ich mal eine Nacht weg bin und jemand anderes außer mir, nach meinen Schützlingen schaut.

Klar gibt es auch mal Tage, an denen es in Stress ausartet, ich mich lieber mal am Nachmittag hinlegen würde, als bei den Vögeln das Zimmer zu putzen. Ich gerne morgens durchschlafen würde, statt zwischendurch aufzustehen und bei den Vögeln die Verdunklung zu entfernen und nach dem Rechten zu schauen. Ich am Abend meine Hunderunde nicht nach der Zubettgehzeit meiner Wellensittiche ausrichten müsste.

Doch auf der anderen Seite liebe ich nun seit 16 Jahren das ständige Gebrabbel. Ein Haus ohne Wellensittichgezwitscher ist für mich ein totes Haus. In dem Sinn, das(s) Leben fehlt. Und nein, das können auch keine Kinder, Hunde, Musik etc. ersetzen.

Ich liebe meine Hundekinder, wie habe ich neulich gelesen: “Wer einen Hund hat, ist reich!”. Ich brauche die Spaziergänge und den Zwang auch bei schlechtem Wetter mindestens dreimal am Tag vor die Tür gehen zu müssen.

Die Hunde sind toll zum Kuscheln, für Freizeitaktivitäten wie Mantrailing und beim Verreisen kann man sie immer mitnehmen, wenn man möchte. Mit ihnen tolle Orte besuchen und Abenteuer erleben.

Doch die Wellensittiche sind meine “Farbtherapie”, wie ich es manchmal spaßig nenne. Sie sind immer so gut drauf und leben absolut in der Gegenwart. Fähigkeiten, die ich auch gerne manchmal hätte. Manchmal singe ich beim Anblick meines bunten Schwarms leise beim Putzen vor mich hin: “Viele, viele bunte Smarties!”

Und erstaunlicherweise ist es immer so, wenn ich gar keine Lust habe, bei den Wellis sauberzumachen und dann aus Pflichtgefühl doch ins Vogelzimmer gehe und beginne, dass ich dann gar nicht mehr aufhören mag. Hier entdecke ich was und das dort mache ich auch noch schnell… und flups ist es Zeit, die Partygang ins Bett zu bringen und ich muss schweren Herzens die weiteren Projekte auf meiner wellifarm auf den nächsten Tag verlegen. Dann bin ich immer sehr erstaunt, wieso ich mich erst aufraffen musste und nun nicht mehr aufhören kann und will. Kennt ihr das?

Als ich meine ersten Wellensittiche aus dem Tierheim adoptierte, schärfte mir meine Mutter ein: “Du nimmst den ältesten und kränksten, den sie haben!” Irgendwie ist das hängen geblieben. Alle meine Tiere sind Abgabetiere, oft aus schlechter Haltung und oft welche, die keiner mehr haben wollte. Ein paar Ausnahmen bestätigen die Regel, wo die Vorbesitzer zum Wohl ihrer Tiere entschieden haben und auch ein paar wenige gesunde jüngere Tiere leben bei mir, weil ich psychologisch gesehen einfach ein paar brauche, um die ich mir nicht ständig Sorgen machen muss und die längere Zeit bleiben. Leider geht nämlich mit der Aufnahme alter und kranker Tiere logischerweise einher, dass ich mich an Abschiede gewöhnen musste. Man bekommt auch tatsächlich so etwas wie Übung darin, ganz spurlos geht es emotional dann doch nicht an mir vorüber. Bei manchen Tieren setzt mich deren Tod oft auch tagelang außer Gefecht. Da erhole ich mich nur langsam.

Gerade ist wieder so eine Phase, weswegen ich lange gebraucht habe, um wieder in eine halbwegs akzeptable Schreiblaune zu kommen. Ich hoffe, es geht nun aufwärts, denn eigentlich macht mir das Schreiben über das Leben mit meinen Tieren sehr großen Spaß.

Nun bin ich seit Sonntag offiziell Teil einer Gemeinschaft geworden, von Menschen, die ähnlich ticken und denken wie ich und ihr Herz ebenfalls an die kleinen quirligen Papageien verloren haben und sich besonders denen mit Hürden verschrieben haben.

Dies ist für mich eine große Ehre und Erleichterung zugleich, erlaubt es mir doch in Zukunft meine “Arbeit” mindestens genauso gut weiterführen zu können! Dieser Meilenstein bedeutet mir gerade mehr als mein erfolgreich abgeschlossenes Tiermedizinstudium… 😉

Es kommen nun einige neue Aufgaben auf mich hinzu, aber ich bin sicher, dass ich mich bald hineingefunden haben werde. Es ist ein kleiner Teil meiner Aufgabe auf dieser Welt, nämlich Wellensittichen ihr Leben in einer menschlichen Haltung so schön wie irgendwie möglich zu machen, auch wenn sie oder gerade wenn sie gesundheitlich angeschlagen sind.

Herzlich willkommen, ihr kleinen Luftpiraten. Jeder Einzelne von euch ist eine riesige Bereicherung für mein Leben und gibt ihm Sinn.

 

Falls euch der Verein interessiert, es handelt sich um Hürdenwellies e.V.