Polyoma, Circo und Co.

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Irgendwie habe ich das Gefühl, ich müsste meine Meinung zu einem bestimmten Thema in die Welt hinaus schreien.

Ok, fangen wir mit dem Schreiben an. Und ich betone, dass dies meine Meinung ist, die aus meinen Erfahrungen in der Wellensittichhaltung seit 2002 resultiert und auch viel mein gesundes Bauchgefühl widerspiegelt.

Seitdem im Jahre 2012 die Psittakose-Verordnung aufgehoben wurde und nun wirklich JEDER Wellensittiche vermehren kann, habe ich das Gefühl, dass Wellensittiche zur Ramsch-Ware degradiert wurden, als billige Wegwerfobjekte, so wie es schon vielen anderen Arten vorher ergangen ist oder noch ergehen wird.

Und das Vermehren der hübschen Australier ist nicht wirklich schwer. Nein, eher habe ich das Gefühl, dass es die hohe Kunst ist, die kleinen “Biester” vom Eierlegen abzuhalten! Denn mit Erstaunen habe ich festgestellt, dass ich einige wirklich erfahrene Vogelhalter kenne, die von ihren Wellis ausgetrickst wurden und bei denen wider aller Erwartungen (warum? darauf komme ich später) nun ein quietschfideles Vögelchen herumflitzt, das auf keinen Fall geplant und auch nicht gewollt war.

Was habe ich schon gebangt und gehofft, den Kampf verloren, experimentiert, ausprobiert, recherchiert, um meinen Hennen (und Hähnen!) klarzumachen, dass es genügend kleine, aber hochintelligente Individuen gibt, die sehnsüchtig auf ein Zuhause warten, in dem sie verstanden, fachkundig versorgt und in Gemeinschaft leben können und sie daher keine (zugegeben niedlichen) Wunder in Form von Welliküken in die Welt setzen müssen.

Dieses wilde Vermehren durch Menschen, die in dieser “Zucht” den Profit und nicht das Wohl der Tiere wollen, hat meiner Meinung nach dazu geführt, dass eigentlich seltene Erkrankungen nun allgegenwärtig sind und es “saubere” Bestände vielleicht gar nicht mehr gibt.

Am harmlosesten ist da wahrscheinlich noch Macrorhabdus ornithogaster, ein Hefepilz, der sich in den Ausführungsgängen der salzsäureproduzierenden Belegzellen in der Magenschleimhaut einnistet und somit zu Verdauungsproblemen führt. Auch ich habe zwei Vögel deswegen verloren, bin aber mit der Meinung, dass dieser Hefepilz nur eine Chance hat, wenn der Vogel noch ein anderes gesundheitliches Problem hat und nicht alleine zum Tod führt. Bei meinem “Kobold” war dies beispielsweise ein Tumor im Ausgang des Drüsenmagens, der zu Passageschwierigkeiten führte und sich so der Hefepilz durch das verlängerte Verbleiben des Speisebreis (Chymus) optimal vermehren konnte.

Doch nun zu meinem eigentlichen Thema, das in den Vogelgruppen gefühlt immer regelrechte Panikattacken bewirkt.

Die Rede ist von den Gefiedererkrankungen, verursacht durch Viren, daher nicht heilbar. Denn im Heimtierbereich gibt es kaum Prophylaxe in Form von Impfungen. Ob es daran liegt, dass “man es nicht hinbekommt” oder doch eher daran, dass die Pharmaunternehmen nicht mehrere Millionen in die Entwicklung eines Impfstoffes für ein “paar” nicht für den Verzehr brauchbare Wellensittiche stecken wollen, kann ich nur mutmaßen.

Die Polyomaviren sind die vermeintlich harmloseren, denn sie führen “nur” zu erhöhter Jungvogelsterblichkeit und bei einigen Vögeln zu dauerhafter Flugunfähigkeit, weil die Schwungfedern der Flügel und die Schwanzfedern nicht richtig wachsen (auch Großgefieder genannt). Diese Flugunfähigkeit hat dieser Erkrankung verschiedene Namen eingebracht, wie Renner- oder Hopserkrankheit oder auch französische Mauser.

Die fieseren Kandidaten sind die Circoviren, denn sie befallen auch die lymphatischen Organe und führen somit zu einer Leukopenie, einer drastischen Verminderung der weißen Blutkörperchen, die so wichtig für eine intakte Immunabwehr sind.

Somit leiden diese Vögel neben der schlechten Befiederung sehr oft an sogenannten Sekundärinfektionen, die für ein gesundes Immunsystem häufig kein Problem darstellen würden. Der Organismus wird also mit einem weiteren (oder mehreren) Erreger(n) zusätzlich zu der Circovirusinfektion infiziert.

Um das so geschwächte Immunystem zu unterstützen, gebe ich meinen Vögeln täglich verdünnten Cistustee, dem ich wertvolle Aminosäuren zusetze, die die oft geschädigte Leber nicht mehr in ausreichender Menge synthetisieren kann. B-Vitamine und Mariendistel ergänzen das Ganze.

Warum Cistustee? Ihm wird nachgesagt, dass er “gut gegen Viren” ist. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber ich habe ein gutes Gefühl, meine Vögel trinken ihn gerne und er übertüncht den Geschmack der Zusätze im Trinkwasser.

Ein wesentlicher Punkt ist auch die Stressvermeidung. Daher leben meine (symptomatischen) Circovirenträger in einer eigenen ruhigen Voliere mit vielen Beschäftigungsmöglichkeiten, in der sie auch ihr erhöhtes Schlafbedürfnis befriedigen können.

Hört sich alles irgendwie unschön an und will sicher nicht jeder mitmachen, zumal diese Vögel aus genannten Gründen keine besonders hohe Lebenserwartung haben. Ich habe mich mittlerweile irgendwie ans Abschied nehmen gewöhnt, auch wenn es jedes Mal wieder schmerzt. Aber in einer Pflegestelle wie meiner, wo es viele Handicap-Tiere und Senioren gibt, ist ein- bis zweimal im Monat Abschiednehmen traurige Tagesordnung.

Wie kann ich mir denn nun sicher sein, auf gar keinen Fall einen infizierten Vogel bei mir aufzunehmen? Wo bekomme ich denn “saubere Tiere”?

Meiner Meinung nach gibt es sie nirgendwo mehr mit hundertprozentiger Sicherheit. Denn wo kommen unsere niedlichen Hausgenossen eigentlich her? Vom “Züchter”, Zoohändler, Nachbarn? Oder anders – war nicht jeder schonmal in einer Tierarztpraxis? Im Zoo? Im Vogelpark? Bei Freunden mit Vögeln zuhause? Oder am Schlimmsten auf einer Vogelbörse als Schmelztiegel für alle Erreger, die unsere Australier befallen können? Was passiert im Urlaub? Wird der Vogel bei anderen Vogelfreunden, im Tierheim oder sogar in einer Vogelpension abgegeben? Oder hat schlichtweg einen gebrauchten Käfig gekauft oder übernommen? Denn viele Erreger können über viele Monate oder sogar Jahre hinweg auf unbelebten Vektoren, zu der Kleidung ebenso wie Käfigeinrichtung, Fußböden, etc. gehören, überleben. Also nicht nur die belebten Vektoren, in dem Fall die Vögel, können fröhlich übertragen, nein auch alles andere vermeintlich saubere, da eine Desinfektion meist auch unwirksam ist. (s.u.)

Die obige Liste ist sicherlich nicht vollständig, soll sie auch nur aufzeigen, dass keiner davon ausgehen kann, noch nie mit diesen Erregern in Kontakt gekommen zu sein und deswegen auch nicht davon auszugehen ist, dass die eigenen Tiere nicht infiziert sind. Was aber auch dann nicht immer zum “worst case” führen muss. Ja, es gibt diese armen Kreaturen, fast nackt und mit denkbar schlechtem Immunsystem, aber ich habe auch positiv getestete Tiere von verantwortungsbewussten Haltern übernommen, die wunderschön befiedert sind und es ihnen keiner ansehen kann, dass sie Träger dieser Viren sind.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es aber dennoch. Je älter ein Vogel ist, desto geringer ist seine Wahrscheinlichkeit, selbst zu erkranken, da das Immunsystem einfach stabiler ist. Das ist doch eine gute Nachricht für die vorhandenen Vögel bei einer Neuaufnahme oder für den Neuzugang, wenn er ab 3 Jahren in eine bereits infizierten Bestand vermittelt wird.

Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt seinen Neuzugang vorher von einem vogelkundigen Tierarzt testen. Den Vogel bei einem positiven Virennachweis dann aber abzugeben, macht nur Sinn, wenn eine strikte Hygiene eingehalten wurde und kein Luftaustausch, keine Hausschuhe etc. von dem Neuling zu den Altvögeln getragen wurde. In einem Privathaushalt meiner Meinung nach quasi unmöglich.

Da ich schon immer Tiere aus Tierheimen und von Privatleuten übernommen habe, war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass mein Schwarm ohnehin infiziert ist (wie meiner Meinung nach quasi alle Schwärme). Denn nur ein positiver Virentest ist aussagekräftig, ein negativer nicht. Und viele Tierärzte wissen auch immer noch nicht, wie man korrekt die Proben dafür entnimmt. Abgesehen davon spielt die Sensitivität und die Sensibilität der Tests eine große Rolle. Es wäre für uns Tierärzte ein Traum, wenn jeder Test gleich spezifisch und sensibel wäre. Doch das gibt es nicht. Ein Test ist immer nur sensibel oder spezifisch.

Das meint, dass bei einem spezifischen Test genau der gesuchte Erreger erfasst wird und ein ähnlicher nicht angezeigt wird, weil ja spezifisch gesucht wird. Dafür sinkt dann die Wahrscheinlichkeit, dass ein infiziertes Tier als tatsächlich positiv getestet wird. Denn damit andere ähnliche Erreger kein positives Ergebnis auslösen, leidet die Sensibilität.

Ist ein Test hingegen besonders sensibel, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein infiziertes Tier auch als positiv getestet wird, sehr viel höher. Darunter leidet dann aber die Spezifität. Das meint, dass das Tier vielleicht mit einem genetisch ähnlichen, aber harmlosen Erreger infiziert ist, mit dem gesuchten hingegen nicht, das Ergebnis aber dennoch positiv ist, weil einfach eine ähnliche Proteinstruktur gefunden wurde.

Sinn dieser ganzen naturwissenschaftlichen Ausführung ist es, klarzumachen, dass selbst ein negativ getesteter Schwarm infizierte Trägervögel beinhalten kann.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin nicht dafür, wild Tiere aufzunehmen und somit die Menge der Infizierten zu vergrößern. Dies gilt besonders, wenn eine zukünftige Abgabe nicht ausgeschlossen werden kann. Sei es wegen einer Trennung, Desinteresse an der Tierhaltung, Ärger mit dem Vermieter etc. Sicherlich besteht auch bei mir keine hundertprozentige Sicherheit, doch durften in den 22 Jahren, in denen ich Tiere halte, alle bis an ihr natürliches Ende bleiben.

 

Wo wir uns jetzt so schön wissenschaftlich warmgedacht haben, kommen wir zu den biologischen Hintergründen der Desinfektion:

Beispielweise Circoviren weisen als unbehüllte DNA-Viren eine sogenannte hohe Umwelttenazität auf. Man kann sie nur mit sehr wenigen Desinfektionsmitteln deaktivieren, das heißt, man kann sie sogar über gewaschene Kleidung übertragen. Denn die fehlende Proteinhülle sorgt dafür, dass sie weder durch Tenside (z.B. Waschmittel) noch durch Hitze denaturiert werden können und somit infektiös bleiben.

Lasst uns mit diesem Hintergrundwissen mal einen Tierarztbesuch rekonstruieren:

Gibt es immer die gleichen Handschuhe zum Fangen oder werden Einmalpapierhandtücher verwendet? In welche Box wird der Vogel zum Wiegen gesetzt? Sind das solche Pappboxen oder wird der Vogel mit der Tara-Funktion in der eigenen Box (mit den bestandsspezifischen Erregern) gewogen?

Gibt es für jeden Patienten ein eigenes Wartezimmer oder sitzen doch alle Wartenden recht eng beeinander, dass über Luft und Staub prinzipiell eine Übertragung denkbar wäre? Das nach jedem Einzelnen gründlich desinfiziert wird?

Zieht sich der Tierarzt nach jedem Patienten komplett um und duscht (was ja aber auch nur das Risiko minimieren und nicht eliminieren würde, wie wir gelernt haben…)? Wohl kaum! Somit kann die Übertragung jederzeit und überall stattfinden. Und genau das ist der Grund, warum ich so entspannt geworden bin.

Jetzt nicht mehr zum Tierarzt gehen? Keine gute Idee, denn wie oben angesprochen hatte doch jeder, der ehrlich zu sich ist, irgenwann schonmal Kontakt zu anderen Vögeln. Der Besuch im Zoo? Der Kaffeklatsch bei der Freundin mit den Wellis im Wohnzimmer?

 

Meine persönliche Erfahrung ist:  in meinem Vogelzimmer sitzen einige Kandidaten, die von den Vorbesitzern auf Viren getestet wurden und tatsächlich PBFD positiv sind. Diese Vögel haben ein glänzendes, schillerndes Gefieder und sind putzmunter. Ebenso wie die Vögel, die nicht getestet, äußerlich gesund sind und nun nachweislich Kontakt mit den “Killer”- Circoviren haben.

Ich bin der Meinung, es gibt leider immer mehr Einzelfälle, denen die Viren gehörig zusetzen. Es gibt aber ungleich viele mehr, die lebenslang symptomlos Träger dieser Viren sind (und diese auch ausscheiden!!!) und so von Bestand zu Bestand verbreiten. Denn oft landen “Wanderpokale” bei mir, die hier ein endgültiges Zuhause finden.

Ich lese auch leider oft von Haltern in Vogelgruppen, die ihre Tiere regelmäßig aus den unterschiedlichen Gründen austauschen.

Auch bei den “Züchtern” wird oft “frisches Blut” hereingeholt und haben Sie sich schonmal gefragt, aus wievielen unterschiedlichen Quellen die Tiere in die sicher immer frisch desinfizierten (sicher nicht, warum auch!?) Schaukäfige in den Zoohandlungen gesteckt werden?

 

Mein kritischer Artikel soll dazu ermutigen, sich selbst Gedanken zu machen, genau zu hinterfragen und ein bisschen den Druck, die Angst und den Stress zu nehmen. Aus meinen eigenen Erfahrungen kann ich sagen, dass es mir besser geht, seitdem ich keine Angst mehr haben muss, mir etwas einzuschleppen, weil ich es nachweislich im Bestand habe und bis zum heutigen Tag auch keine negativen Auswirkungen auftraten. Es blieb alles beim Alten und wüsste ich nicht um diese Erkankungen, würde ich davon ausgehen, dass meine Tiere alle “gesund” sind. Und das sind sie doch auch, oder? Denn bei den allerallermeisten ist das Immunsystem stark genug, um die Viren und alles andere in Schach zu halten, wodurch diese Vögel niemals erkranken, sprich nie Symptome auftreten und sie “pumperlgesund” alt werden (abgesehen von den natürlichen Alterserscheinungen und den Folgen der ständigen Inzucht auf Aussehen durch Laien, s.o.).

Persönlich am meisten erstaunt hat mich, dass in Beständen, in denen nachweislich diese nicht zu unterschätzenden Viren ihr Unwesen treiben, junge, gesunde, kräftige Küken geboren werden und auch ohne irgendwelche Probleme nicht nur großwerden, sondern auch alt werden.

Was mich zu dem Gedanken gebracht hat, dass wohl auch jeder “gute Züchter” (kein “Vermehrer”!!!) nicht virenfrei sein wird und durch seinen Verkauf zu einer flächendeckenden Verbreitung beiträgt. Dass immer mehr offensichtlich erkrankte Vögel auf dem Markt auftauchen, leite ich als Folge der zunehmenden Massenproduktion von Wellensittichen ab, die ja seit 2012 in jedem Wohnzimmer und in jedem Hinterhof legal stattfinden kann. Wo mehr Vögel sind, ist es einfach Statistik, dass auch mehr Erkrankte auftreten.

Dazu trägt dann natürlich noch bei, dass einem durch dieses massenhafte Vermehrung Wellensittiche quasi hinterher geworfen werden und sich viele Menschen, diese anspruchsvollen kleinen Papageien unüberlegt anschaffen und schnell wieder weiterreichen und damit auch die Erreger.

Meine Konsequenz aus der ganzen Misere ist, dass bei mir nur noch mindestens zweijährige Vögel einziehen, da sich mit zunehmendem Alter die Infektionswahrscheinlichkeit verringert. Meine Tiere haben bei mir wie bereits erwähnt ohnehin Endplätze, sodass von mir aus zumindest über eine nicht stattfindende Weitervermittlung nichts übertragen werden kann. Zoos und Tierparks meide ich, aber die Übertragung in einer Tierarztpraxis liegt außerhalb meines Kontrollbereiches. Wobei ich auch hier nicht wissen will, was ich mir schon bereits in der Vergangenheit unwissentlich mit nach Hause genommen habe, einfach weil niemand von dieser Problematik wusste und man bei bestimmten Erregern gar nicht von der Möglichkeit einer Übertragung ausging.

Ich mache meinen Tieren jeden Tag auf dieser Erde so schön wie möglich und bin einfach dankbar für jeden Augenblick, den wir gemeinsam haben. Denn fest steht, dass wir alle eines Tages sterben werden. Die Frage ist nur, woran… wir Federlose an den Vogelviren zumindest nicht! 😉